“Nie dem Täter den Rücken zudrehen”

Donaukurier 12.03.2019

Der Ingolstädter Ex-Polizist Thomas Herzing schult Unternehmen nach
Raubüberfällen – ein Interview

Der Sicherheitsexperte Thomas Herzing, ein gebürtiger Ingolstädter, sagt,
er sei sehr enttäuscht, wenn er von Unternehmen höre, sie würden ihre
Mitarbeiter für solche Fälle sensibilisieren – “und im Prinzip machen sie
nichts”. Im Interview erzählt Herzing aus dem Schulungsalltag und wie
man sich richtig verhält, wenn man überfallen werden sollte.
Herr Herzing, in Zeiten von bargeldlosem Zahlungsverkehr sollte man
annehmen, dass die Zeit der Überfälle auf Banken, Geschäfte und
Tankstellen vorüber ist. Tatsächlich hat man gerade das Gefühl, diese
Verbrechen erlebe eine Renaissance.
Thomas Herzing: Die Täter behelfen sich oft mit einem spontanen Griff
in die Kasse, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sehr häufig im Bereich
der Beschaffungskriminalität. Rauschgiftsüchtige sind schon sehr
zufrieden mit ein paar Hundert Euro, das wird es immer geben. Was die
Täter sich oft auch nicht bewusst machen: In der Regel handelt es sich um
räuberische Erpressung. Heißt: Ich drohe Gewalt an, um jemand zu einem
Verhalten zu nötigen, in dem Fall zur Herausgabe des Geldes. Das ist dann
schon ein Strafmaß von mindestens einem Jahr Gefängnis.
Ist eine Waffe dabei, sind es sogar fünf Jahre. Und nach solchen Vorfällen
kommen die betroffenen Unternehmen auf Sie zu?
Herzing: Häufig ist es so, dass erst das Kind in den Brunnen fallen muss
und dann festgestellt wird, dass man ein großes Defizit hat. Wir hören
immer wieder, wenn wir unsere Dienstleistungen anbieten: “Haben wir ja
noch nie gehabt. ” Dabei hat das auch was mit Fürsorge zu tun.
Was meinen Sie damit?
Herzing: Was ich auch bei der Polizei ganz häufig nach Raubüberfällen
erlebt habe: Die Täterbeschreibung wird abgegeben – wie hat er
ausgeschaut, was hat er angehabt, wo ist er hingeflohen – und danach
hängen die Betroffenen rum wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Ich habe
es kein einziges Mal erlebt, dass von Unternehmensseite ein Prozess
angestoßen wurde, diese Menschen zu betreuen. Oft ist nicht einmal ein
Plan vorhanden: Rufen wir den Betroffenen an oder ist das pietätlos? Wer
hat denn überhaupt eine Handynummer? Die Leute werden einfach
alleingelassen. Wirklich schade, weil man vorher durch Training eine
gewisse Handlungssicherheit erlangen kann, weil wir die Taten im
geschützten Rahmen durchspielen.
Was raten Sie denn Unternehmen oder Mitarbeitern für den Fall, dass sie
überfallen werden?
Herzing: Es gibt drei Verhaltensmuster: Angriff, Flucht und Erstarrung.
Was glauben Sie denn, was spontan am meisten ausgelebt wird?
Ich sage: erstarren.
Herzing: Ganz anders. Es ist erstaunlich: Lieschen Müller, 55 Jahre, an
der Kasse, greift den Täter ohne Sinn und Verstand an oder versucht, die
Waffe zu entreißen. Und das ist natürlich eine ganz heiße Kiste, weil das
dann auch, vom Täter nicht gewollt, zu einer weiteren Aggressionsspirale
führt, damit der an seine Beute gelangt. Wir sprechen von Täterfantasien:
Ich gehe in die Tankstelle, mache die Kasse auf und nehme das Geld. Alles,
was davon abweicht, ist totaler Stress, der auf den Täter einprasselt. Das
führt dann ganz häufig zu einer Überreaktion.
Wie sollte sich der Mitarbeiter denn verhalten?

Was tun, wenn plötzlich ein Räuber im Laden steht und an die Kasse will? Experte Thomas Herzing rät, auf keinen Fall aggressiv zu reagieren. Er ist der Überzeugung, dass man richtiges Verhalten trainieren kann. Die Unternehmen seien da auch in der Verantwortung, findet der gebürtige Ingolstädter.

Herzing: Zum Beispiel nie dem Täter den Rücken zudrehen, immer den
Blickkontakt halten. Wenn ich dem Täter den Rücken zudrehe, sieht der
nicht meine Angst im Gesicht und es ist für ihn um ein Vielfaches leichter,
Gewalt anzuwenden. Auch solche Sprüche von den Überfallenen habe ich
immer wieder gehört: “Ja, Bursch, du kannst bald gemeinschaftlich
duschen und dich nach der Seife bücken” oder “Dein Gesicht hab ich mir
gemerkt”. Da herrscht schon eine extreme Wahrnehmungsverzerrung.
Wie sieht es mit Waffen zur Selbstverteidigung aus?
Herzing: In aller Regel raten wir davon ab. Sehr oft werden die Leute, die
so was mitführen, Opfer ihrer eigenen Gegenstände. Die haben
irgendwann Pfefferspray für fünf Euro gekauft, wissen nicht, dass man
eine Schutzkappe eindrücken muss, ob ein Strahl rauskommt und wohin
sie dann zielen sollen.
Und das alles schulen Sie lieber von der Schweiz aus als in Deutschland?
Herzing: Ich habe das Gefühl, Deutschland ist da eine ziemliche Wüste.
In der Schweiz gibt es auch sehr viele Gemeinden, die für ihre Mitarbeiter
Schulungen von sich aus initiieren. Etwa in der regionalen
Arbeitsvermittlung, da kommt es immer wieder zu Übergrifflichkeiten. Das
findet in Ingolstadt auch statt. Nur wenn ich mich da mit leitenden
Mitarbeitern informell austausche, dann höre ich: “Wir hätten schon das
Bedürfnis, du glaubst ja gar nicht, was wir hier erleben. ” Aber das ist mit
Geld und mit Aufwand verbunden, das ist offenbar nicht gewollt. Nach
einem Vorfall waren wir in einer Filiale eines großen Unternehmens der
Region. Da sagt zu mir der Geschäftsführer: “Herr Herzing, mal ehrlich,
das bringt doch eh nichts, man verhält sich doch in so einer Situation so,
wie man sich auch sonst verhält. ” Da sage ich: “Wenn ich Sie jetzt
angreife, wie verhalten Sie sich, worauf greifen Sie zurück? Auf die
Erfahrung der Zeit vor 30, 40 Jahren, als Sie mit Ihrem Bruder oder Ihrer
Schwester gerauft haben? ” Unisono kann man sagen: Wenn die
Geschäftsleitung nicht dahinter steht, ist es zum Scheitern verurteilt.

Das Gespräch führte Thorsten Stark.

ZUR PERSON
Thomas Herzing, 52 Jahre alt und gebürtiger Ingolstädter, war bei der
bayerischen Polizei und hat dort das bayerische Amok-Konzept
mitentwickelt. Später verschlug es ihn zur Schweizer Polizei, 2014 machte
er sich dort selbstständig und bietet seitdem Schulungen und Workshops
unter anderem zum Umgang mit Gefahrensituationen an.

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